Generell wissen wir (noch) vergleichsweise wenig über die Alamannen. Immerhin: Dank Wissenschaft und Forschung erfahren wir immerhin von Jahr zu Jahr immer etwas mehr von ihnen und ihrer Lebensweise.
Doch auch wenn sich die Menschen gerade in Vorarlberg heute auch immer wieder stolz "Alemannen" nennen – gerade für unser kleines Land liegt derzeit archäologisch ein nur sehr fragmentarisches und mengenmäßig unbefriedigendes Fundmaterial vor. Doch um der Frage der romanischen Siedlungskontinuität und der Landnahme der Alamannen zufriedenstellend auflösen zu können, bedarf es größerer Fundkomplexe und gut beobachtete Befunde.
Mit dem Alpenrheintal haben sich vor einigen Jahren B. Overbeck und G. Schneider-Schnekenburger für die Zeit der Spätantike und des frühen Mittelalters mehrfach befasst. O. Univ.-Prof. Dr. Andreas Lippert verdanken wir folgende Veröffentlichung innerhalb der Schriften des Vorarlberger Landesmuseums:
ARCHÄOLOGIE IN GEBIRGEN – VLM (Seite 235-243)
"Zur Frühgeschichte Vorarlbergs", von Univ.-Prof. Dr. Andreas Lippert
Auszug: "Bis an das Ende des 4. Jh. Ist die Geschichte und Archäologie römischer Siedlung im Rheinthal durch Quellen und Funde gut belegt. Wie lange sich das Kastell Brigantium aber noch im 5. Jh existierte und dann Fluchtort von Romanen war, ist vorläufig nicht präzise zu sagen. Auch die Frage, ob sich in spätrömischer Zeit bereits alamannische Siedler und Foederatenkrieger am bzw. in dem Kastell aufhielten, lässt sich vorderhand nicht beantworten. Der einzige dahin weisende Fund, eine Fibel mit umgeschlagenem Fuß in dem noch beigabenführenden Gräberfeld des 4. Jh. in Bregenz, hat zu geringe Aussagekraft.
Die Annahme eines Zusammenlebens von Romanen und Alamannen schon im 5. Jh. aufgrund angeblich früh datierender germanischer Waffenfunde ist nicht nachvollziehbar. Mit Sicherheit setzen bisher alle alamannischen, durch Beigaben datierbaren Bestattungen, frühestens ab der zweiten Hälfte des 6. Jh. im Bereich des Rheinthales ein. Dies gilt nicht nur für Funde auf Vorarlberger Gebiet, sondern auch für Liechtenstein und die schweizerische Westseite des Rheintales. Auch das Grab in Zürs am Arlberg, wurde erst irgendwann nach der Mitte des 6. Jh. von alamannischen Landnehmern, die vom nördlichen Alpenvorland den Lech aufwärts einwanderten, angelegt. Diese Fundsituation stimmt durchaus mit den Überlieferungen überein.
Ein alamannischer Landausbau in der östlichen Raetia prima war nämlich erst nach dem Fall der ostgotischen Herrschaft in der Zeit von 531 – 539 und mit dem fränkischen Engagement in den Ostalpen und in Italien zur Zeit des gotisch-byzantinischen Krieges möglich. Damals wurde die Raetia prima unmittelbares Einflussgebiet der Franken, sodaß die unterworfenen und unter ihre Oberhoheit gebrachten Alamannen nach Süden in das Rheital und in die heutige Ostschweiz einsickern konnten.
Eine Besiedlung des Landes durch Alamannen ging sicher nur allmählich vor sich. Die Vita S. Galli lässt noch für den Beginn des 7. Jhs. Erkennen, dass der Raum zwischen Arbon und Bregenz, also das Süd- und Ostufer des Bodensees, eine Mischzone christlicher Romanen und teils noch heidnischer Alamannen war. Die Kartierung alamannischer und romanischer Fundstätten und Fundstücke im Arbeitsgebiet führt zwei Besiedlungszonen deutlich vor Augen: eine alamannische im Bodenseeraum und im Rheintal und eine romanische im Walgau zwischen Rankweil und Bludenz.Eine alamannische Besiedlung dürfte in der zuletzt genannten Zone erst recht spät eingesetzt haben. Strategische Stützpunkte, die nicht unbedingt gegen die romanischen Einwohner gerichtet waren, sondern im Gegenteil schützen sollten, entstanden jedoch schon am Ende des 6. Jhs. auf Anhöhen."
Auszug aus dem Buch "Das alamannische Herzogtum bis 750", Arbeiten aus dem Historischen Seminar der Universität Zürich von Bruno Behr, Verlag Herbert Lang Bern
Eine Mischbevölkerung mit Romanentum, das weitgehend durch die Alamannen integriert wurde und nur noch in kirchlichen Funktionen nachweisbar ist, können wir für das Rheintal vom Bodensee bis vielleicht Sargans hin annehmen: Das Gräberfeld in Schaan (Fürstentum Liechtenstein) beweist die Anwesenheit alamannischer Siedlung im Rheintal für das 7. Jh. (595).
Wenn Gallus den Diakon Johannes von Grabs, dessen rätische Abkunft gesichert ist, dem im alamannischen Konstanz versammelten Volk als "de plebe vestra" vorstellt, kann man vermuten, dass im Rheintal ein intensiver Kontakt der Alamannen mit der vorherigen Bevölkerung stattgefunden haben muss (596).
Johannes von Grabs, sein angeblicher Vorgänger auf dem Konstanzer Bischofssitz, Gaudentius, die überwiegend romanischen Namen der Konstanzer Bischöfe des 7. Jh. wie Maximus, Ursinus, Gaudentius, Marcianus, Fidelis, deren Existenz und Abfolge zugegebenermaßen nicht feststeht (597), lassen dennoch vermuten, dass das Ausbildungszentrum des Klerus für den Bodenseeraum in Churrätien, wenn nicht gar in Italien zu suchen ist (598). Dies umso mehr, als der Missionierung von Westen her, wie wir in Kapitel 4.1.5. sehen werden, kein Erfolg beschieden war.
Eine eindeutig dominierende Alamannenbevölkerung ist sicher für den rechtsufrigen Bodenseeraum anzunehmen: Bregenz, ehemaliger Kastellort, war nach den Worten des Jonas und Wettis zerstört, die Aureliakirche, Zeuge frühchristlichen Glaubens, musste von heidnischen Kultbildern geräumt werden (599).
In Überlingen residierte anfangs des 7. Jhd. ein alamannischer Herzog. Er ließ die irischen Missionare durch einen Boten vertreiben (600). Wir werden diesem Herzog das ganze Kapitel 4.2. widmen. Hier dient er lediglich als Beweis für die vorhandene alamannische Bevölkerung rechts des Sees.