Auch über den genaueren Ablauf der römischen Eroberung sind wir nur sehr unzureichend unterrichtet. Unsere Kenntnisse stützen sich neben kürzeren Anmerkungen bei verschiedenen lateinischen und griechischen Autoren, die vom Ende des 1. Jh. v. Chr. bis an den Beginn des 5. Jh. n. Chr. reichen, auch auf ein von Kaiser Augustus bei La Turbie in Südfrankreich errichtetes Siegesmonument mit Inschrift. Deren Text hat uns der beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. ums Leben gekommene römische Universalgelehrte Plinius d. Ä. in seiner "Naturgeschichte" vollständig erhalten. Dort werden allerdings nur jene Alpenvölker namentlich genannt, die sich der römischen Okkupation gewaltsam widersetzten und militärisch unterworfen wurden. Über den genaueren Hergang des Feldzuges gibt die Inschrift jedoch keine Auskunft.
Zwar sind wir über die Motive des Alpenfeldzuges nicht genau informiert, doch scheint erkennbar, dass die militärischen Operationen in mehrjährigen Unternehmungen erfolgten und mit Feldzügen in Illyrien 35-33 v. Chr. einsetzten. Im Jahre 15. v. Chr. wurde schließlich das Gros des eigentlichen Alpengebietes unterjocht, wobei als militärischer Kommandeur neben den beiden Stiefsöhnen des Augustus, Tiberius und Drusus, mit L. Calpurnius Piso ein erfahrener Militär eine bedeutende Rolle gespielt haben dürfte. Der genaue Verlauf des Feldzuges bleibt im Dunkeln. Vorarlberg scheint jedenfalls nicht auf der Route eines der großen Heerkeile gelegen zu haben.
Der Widerstand der Alpenbewohner war teilweise erbittert, wurde allerdings mit äußerster Härte innerhalb kürzester Zeit gebrochen. Ein schwer zu deutendes Zeugnis verzweifelter einheimischer Gegenwehr hat uns der römische Historiker Florus (2. Jh. n. Chr.) überliefert. Er berichtet, dass die an Verteidigungsaktionen beteiligten Frauen in aussichtsloser Lage selbst davor nicht zurückschreckten, ihre eigenen Kinder den Römern als "Wurfgeschosse" entgegenzuschleudern. Dabei dürfte es sich um religiös motivierte Verzweiflungstaten gehandelt haben, bei denen einzelne Alpenbewohner einen kollektiven Selbstmord einer Unterjochung und möglichen Versklavung vorzogen. Auf diese Weise hatten sie die einzige Hoffnung, ihre familiären und sozialen Beziehungen wenn schon nicht im Diesseits, so doch zumindest im Jenseits zu bewahren.
Doch selbst derartige Aktionen konnten nichts am militärischen Ausgang ändern. Zwar erwähnen kaiserzeitliche Quellen in diesem Zusammenhang eine große Schlacht, jedoch dürfte sich in dieser Nachricht mehr römische Propaganda als historische Realität widerspiegeln, ist es doch mehr als nur fraglich, ob die disparaten Alpenbewohner zu einem einheitlich organisierten Widerstand überhaupt in der Lage waren. Demgegenüber ist allerdings gesichert, dass Tiberius auf dem Bodensee ein kleineres Seegefecht mit Einheimischen schlug, dem jedoch kaum eine größere überregionale Bedeutung zukam. Jedenfalls hatten römische Truppen innerhalb eines Jahres den gesamten Alpengürtel unterworfen, wodurch mit der Angliederung an das Imperium Romanum eine neue Epoche ihren Ausgangspunkt nahm.
Wir danken der Landesregierung Vorarlberg
(Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung IIb)
für die Erlaubnis, Teile der [ Vorarlberg-Chronik ]
hier veröffentlichen zu dürfen.