mashART – Alamannen von Rhî-Ems, Kulturverein


 
   

>>> Vorarlberg am Vorabend der römischen Okkupation Vorarlbergs

Ethnische Verhältnisse im Gebiet des späteren Vorarlberg

Um ein Volk ethnisch näher bestimmen zu können, bedarf es sprachlicher Zeugnisse, die, mit anderen bekannten Sprachen in Beziehung gesetzt, bei der genaueren Einordnung einer Volks- bzw. Sprachgruppe herangezogen werden müssen. Derartige Denkmäler sind aus dem Alpenraum nur in äußerst rudimentärer Form erhalten. Immerhin lässt sich erkennen, dass einzelne Regionen, angeregt durch wirtschaftliche Beziehungen mit den bis in die Poebene vorgedrungenen Etruskern, die Möglichkeit aufgriffen, ihre Sprache in schriftlicher Form festzuhalten. Dazu bedienten sie sich eines vom Etruskischen abgeleiteten und für ihre Sprachen adaptierten Alphabets. So sind uns für das 1. Jahrhundert v. Chr. vier verschiedene Alphabete bezeugt, die den kultur- und geistesgeschichtlich überaus bedeutenden Prozess der Übernahme der Schrift dokumentieren und damit eigentlich von der Vor- zur Frühgeschichte überleiten. Allerdings ist das Verständnis der oft nur sehr kurzen Texte mit sehr großen Problemen verbunden. Allzu oft bleiben die Inhalte dunkel, sodass eine genauere Einordnung der in diesen Alphabeten verfassten Sprachen mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Auch ist uns aus dem Gebiet des späteren Vorarlberg selbst keine einzige der oben erwähnten Inschriften bezeugt. Ist somit eine genauere Einordnung dieser Sprachen nicht möglich, so können doch grundsätzliche Strukturen des Alpenraumes erkannt werden:

  1. Offensichtlich saß im Gebiet der Alpen nicht ein Volk mit einer Sprache, sondern es ist vielmehr von einer Vielzahl von kleinräumigen Ethnien mit unterschiedlichsten Sprachen auszugehen.
  2. Diese Alpenvölker bildeten unterschiedliche Kulturkreise aus, die uns durch ihre materielle Hinterlassenschaft fassbar werden.
  3. Spätestens seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. drangen zusätzlich keltische Volksgruppen in die Alpentäler vor, wo sie, obwohl zahlenmäßig in der Minderheit, oft die politisch, wirtschaftlich und kulturell bestimmenden Kräfte stellten, sodass die ethnische Vielfalt um einen zusätzlichen Aspekt erweitert wurde.

Die in den diversen Inschriften greifbaren Alpenbewohner haben uns keine Eigenbezeichnungen ihrer ethnischen Identität hinterlassen. Hingegen ist uns aus dem Bereich der benachbarten mediterranen Hochkulturen Griechenlands und Italiens eine Fremdbezeichnung erhalten, die den Eindruck eines ethnisch geschlossenen alpinen Gebietes erweckt. So sprechen die lateinischen und griechischen Quellen unisono von Rätern, wann immer sie auf die Bewohner des Alpenraumes zu sprechen kommen (mit Ausnahme des Gebietes Kärntens und der Steiermark, wo von "keltischen Norikern" die Rede ist). Diese Klassifizierung beruht aber offensichtlich auf äußerst mangelhaften Kenntnissen der komplexen Verhältnisse. Eine plausible Erklärung für die Entstehung der pauschalen Bezeichnung "Räter" geht davon aus, dass Griechen und Römer im Bereich der nördlichen Poebene tatsächlich mit einem Volkssplitter, der sich selbst "Räter" nannte, in Berührung kamen. Diese Bezeichnung wurde dann allerdings willkürlich auch auf all jene Völkerschaften ausgedehnt, die in den nördlich anschließenden Alpentälern siedelten.
 
Neben der Sammelbezeichnung "Räter" werden in der antiken Überlieferung aber auch die Namen einzelner Völkerschaften genannt, die als im engeren Bereich der Alpen beheimatet galten. Allerdings stellen sich der modernen Forschung auf Grund unexakter und widersprüchlicher Angaben innerhalb der antiken Quellen große Probleme bei der genaueren Lokalisierung. Einigermaßen gesichert ist für den nördlichen Bereich des späteren Vorarlberg und die angrenzenden Gegenden des Allgäu die Anwesenheit eines keltischen Volksstammes, der als Vindeliker bezeichnet wird. Ihr Hauptort war Brigantium/ Bregenz, das einen Siedlungstyp repräsentierte,  der von den Römern seit Cäsar als "oppidum" bezeichnet wurde. Die Identifikation der südlich angrenzenden Völkerschaften gibt bereits größere Probleme auf. In diesem Zusammenhang werden vor allem zwei Völkerschaften genannt, die für eine Besiedlung des südlichen Vorarlberg in Frage kommen: die Vennonen und die Caluconen. Welcher von beiden dabei der Zuspruch zu erteilen ist und wo die exakten Grenzen verliefen, lässt sich allerdings nicht definitiv entscheiden.
 
Neben der erwähnten Bedeutung von Bregenz in dieser Zeit dürfte auch eine Siedlung im Bereich des späteren Bludenz eine überregionale Rolle gespielt haben, begründet vornehmlich auf dem Abbau, der Verhüttung und Verarbeitung von Metallen in nicht näher bekannten Örtlichkeiten des Montafon, des Brandner- und vielleicht auch des Klostertals.
 
Die Handelsbeziehungen mit Italien in dieser Zeit dürfen nicht unterschätzt werden. Neben kulturellen Einflüssen mannigfacher Art, wozu etwa die schon angesprochene Übernahme der Schrift gehört, ist auch das Aufgreifen des gemünzten Geldes als Zahlungsmittel zu nennen. Neben eigenständigen Prägungen, wozu in Vorarlberg allerdings Beispiele fehlen, wurden vielfach die in Italien geprägten Münzen einfach übernommen. Ein herausragendes Beispiel für diesen Vorgang ist ein bei Lauterach entdeckter Schatzfund (Münzen und Schmuck), der von einem Einheimischen oder von einem römischen Kaufmann um etwa 100 v. Chr. entweder versteckt oder gar als Weihegabe für eine nicht näher bezeichnete Gottheit deponiert wurde.


Wir danken der Landesregierung Vorarlberg
(Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung IIb)
für die Erlaubnis, Teile der [
Vorarlberg-Chronik ]
hier veröffentlichen zu dürfen.


nach oben
 

mashART – Alamannen von Rhî-Ems, Kulturverein
burkharde(at)alamannen.org